Essstörung oder Leben - Welchen Weg willst Du gehen?
Du hast sicher von dieser Pro-Ana-Bewegung gehört. Vielleicht kennst du sie auch, Anas Gesetze, Anas Gebote, Anas Brief.. Anas Lügen.
Ana.
Eine Krankheit als Mädchen, als junges, schönes Ebenbild aller Wünsche und Träume. Ana als Perfektion, als Inbegriff für Disziplin und Schönheit. Zusammen mit ihrer hässlichen, undisziplinierten Schwester Mia.
Ich kann es nicht mehr hören. Ana und Mia, zwei Fantasiegestalten, die vom perfekten Leben und den Regeln dazu berichten und den Tod bringen. Ana und Mia, eine Geschichte von Mädchen.. aber auch Jungen, die in ihrem verzweifelten Versuch zu überleben sterben.
Aber die Geschichte ist älter als die beiden – viel älter. Also lasst und doch beim Anfang beginnen.
Es waren vermutlich junge Frauen und Männer, ähnlich wie ich, die Probleme hatten und mit ihrem Leben nicht zurecht kamen und aus diesem Grund einfach einen Weg wählten, um ihren Frust, ihre Angst und ihren Wunsch nach Bestätigung zu kompensieren.. sie hörten auf zu Essen.
Die Briefe, die Gebote.. im Grunde ist es nur das, was ich jeden Tag denke. Die Stimme in meinem Kopf, sie sagt "Hör auf zu Essen!", die Stimme, die mir verspricht, das alles weniger schmerzen würde, aller Kummer weit weg wäre.. die Stimme, die mich zur Disziplin zwingt und verhöhnend straft, wenn ich doch essen sollte.
Die Stimme, die mir, wenn ich nach einer Essattacke alles unter Krämpfen in die Toilette würge, sagt, dass ich einfach hätte hungern müssen, auf sie hören sollen.. und es nie soweit gekommen wäre. Die Stimme, die mir sagt, dass es die Strafe für mein undiszipliniertes Verhalten war.
Sie brachten die Stimme zu Papier, gaben ihr einen Namen. Warum? Ich weiß es nicht. Weil man Dinge besser bekämpfen kann, wenn sie einen Namen haben?
Doch dann kamen andere, die sahen, wie hübsch und schmal sie aussahen. Wie diszipliniert sie waren, wie sportlich und gut in der Schule. Und sie wollten es auch.. Perfektion. Kontrolle.
Und sie lasen die Worte der Stimme.. die sie nie zuvor in ihrem Kopf gehört hatten. Aber sie säuselte süße Verlockungen.. Pro-Ana war geboren.
Es ist nur eine Theorie, doch in meinen Augen die wahrscheinlichste. Sie hörten die Gedanken und schrieben sie auf.. doch wurden aus den Befehlen eines Peinigers die Gesetze und Gebote. Süße, dunkle Versprechen.. die letztendlich nur den Tod bringen.
Kennst du sie? Die Briefe, die Befehle, die Gesetze?
Kennst du die Stimme?
Und...
Kanntest du sie schon vorher?
Ich kannte sie schon vorher. Ich kannte die Stimme, die Befehle.. die süßen Verlockungen, auf die ich immer noch täglich höre. Ich weiß nicht, wie Jemand darauf kommen kann, dass sie schön ist, ihre Ana.
Wenn man ihr schon ein Aussehen zuordnen möchte.. dann ist sie ein hässliches, dürres Biest mit eingefallenen, hohlen Wangen, spitzen Kinn und übergroßen Augen. Und einem höhnischen Grinsen im Gesicht.
Ich habe auch keine Ahnung, wie Jemand darauf kam, dass sie weiblich ist. Meine Stimme ist geschlechtslos. Aber ich nenne die Stimme auch nicht "Ana".
Aber wie viele kannten sie nicht? Die Stimme, die Gedanken.. es ist nichts schönes an einer Essstörung. Der gepriesene Himmel ist die Hölle.
Natürlich, werden sich einige denken, nichts zu Essen erfordert Disziplin, das ist schon schwer.
Aber das meine ich nicht.
Viel schwerer ist es, zu essen, obwohl alles sich dagegen sträubt. Jeder Bissen, jede noch so kleine Mahlzeit wird zur Tortur.
Halten wir ein paar Tatsachen fest, die so manch einer vielleicht schon von besorgten oder wütenden Bekannten vorgeworfen bekam:
Um zu Leben muss man Essen.
Ohne Nahrung stirbt man.
Du willst doch gar nicht wirklich sterben, oder?
Es gibt tausend bessere, schnellere und effektivere Methoden als Verhungern.
Und was, wenn man wirklich nicht sterben möchte? Wenn man die süße Kontrolle verliert? Wenn man verhungert.. und nichts mehr dagegen unternehmen kann?
Was ist dann?
Dann muss man Essen. Man weiß, dass man es muss, da man sonst stirbt. Man beruhigt sich, dass der BMI ja noch gar nicht so weit unten ist.. und dass es sogar schon Menschen gab, die einen BMI unter 10 überlebt haben.
Natürlich. An Geräten angeschlossen, von Maschinen am Leben erhalten, im Koma liegend. Aber wenn man ehrlich mit sich ist.. ab einem BMI unter 13 ist man so gut wie tot. Wenn man es denn noch nicht ist.
Also was tun? Essen, natürlich.
Wenn es doch nur so einfach wäre.
Ich bewundere jeden Menschen, der essen kann, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen. Dass Jemand einen Apfel essen kann, ohne sofort systematisch zu speichern, wie viel Gramm der Apfel wiegt und wie viele kcal das jetzt sind. Menschen, die beim Essen lachen und scherzen können, Menschen, die nebenher etwas essen.
Ich kann es nicht. Ich kann nicht nebenher eine Kleinigkeit essen – mein gesamtes Denken wird davon bestimmt.
Hast du Angst vor etwas? Hast du eine Phobie? Wovor fürchtest du dich, wenn du in Angstschweiß gebadet nachts aufwachst, nur um erleichtert in die Kissen zurück zu sinken und zu denken "Es war nur ein Traum!", was ist es, was lässt dich zittern? Vielleicht Angst vor dem Tod?
Ich habe Angst vor Essen. Angst vor großen Zahlen. Wenn normale Menschen von Essen träumen, sind sie hinterher zufrieden und etwas hungrig oder sie sagen "Was für ein verrückter Traum!" – wenn ich davon träume, etwas zu essen, wache ich vollkommen panisch auf. Selbst wenn ich in Gedanken alle Dinge durchgehe, die die letzten Tage auf meiner Speisekarte standen, hört es nicht auf. Die Angst bleibt.
Was, wenn ich geschlafwandelt bin? Was, wenn ich im Schlaf einen gigantischen Essanfall hatte? Was wenn, was wenn, was wäre, wenn????
Und so gehe ich zur Waage und wiege mich. Mein Richter. Was ist, wenn die Zahlen größer sind, als sie sein sollten?
Und dann stehe ich da – nackt, zitternd, frierend, vollkommen aufgelöst, panisch und paranoid auf der Waage und warte auf die Zahlen.
Und sie sind zu groß.
Egal, ob es dieselben Zahlen sind, die es auch schon vor zwei Stunden waren – sie sind zu groß.
Natürlich, es beruhigt mich etwas, wenn sie genauso groß sind, wie vorher.. oder sogar etwas kleiner. Aber zu groß sind sie dennoch..
Aber was wäre, wenn ich nach so einem Traum auf die Waage steige und sie sind größer? Jeder andere – vermutlich würde er nach so einem Traum nicht einmal auf die Waage steigen – würde die Schultern zucken und sich wieder hinlegen.
Ich nicht. Ich träume, ich erwache, ich gehe mich wiegen.. und hetze vollkommen aufgelöst und wesentlich aufgeregter als zuvor zur der Toilette und erbreche mich. Nicht nur ein bisschen würgen für das Gute Gewissen..
Hast du dich schon einmal so heftig übergeben müssen, dass dir jeder einzelne Knochen im Leib schmerzte? Hast du dich schon einmal so oft und so heftig übergeben, dass nach der Galle nur noch Blut aus deinem Mund floss?
Und bist du bei dem Anblick des Blutes nicht etwa ängstlich geworden, sondern erleichtert? Weil du wusstest, dass dein Magen absolut leer ist und du dir keine Gedanken machen brauchst?
Ich schon.
Und ich war glücklich. So glücklich, dass ich vor Freude gewimmert habe.. die Schmerzen ignorierend oder sogar triumphierend geniessend – weil sie bedeuteten, dass ich etwas richtig mache. Dass ich etwas kann. Und dann bin ich – inmitten von Erbrochenem und Blut – bewusstlos geworden. Lächelnd, denn ich wusste, dass ich meine Sache gut gemacht habe – gut und gründlich.
Wie oft habe ich mich nach wochenlangem Fasten hemmungslos der Völlerei hingegeben und anschließend gekotzt, bis ich nicht mehr atmen konnte, bis ich mich nur noch in Bewusstlosigkeit flüchten konnte.
Wie oft habe ich die Kontrolle verloren und bin verzweifelt.
Hast du schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, dich umzubringen? Wenn ja – warum? Ich würde am liebsten jedes Mal sterben, wenn ich essen muss. Jeder einzelne Bissen bedeutet Hass. Hass gegen mich selbst, Hass gegen die verdammte Welt. Jeder Bissen bedeutet – schon während dem schneiden, während dem Weg zum Mund und auch während dem Kauen Verzweiflung und Angst. Und eine Überwindung, die ausserhalb jeglicher Vorstellungskraft liegt.
Dann wiederum gibt es Momente, in denen ich wahllos alles esse, was ich bekommen kann. Essen, bis der Magen so stark schmerzt, dass man am liebsten schreien würde. Mit dem süßen Versprechen "Ich kann es wieder auskotzen, wenn ich nur gründlich genug bin, ist alles wieder gut!" Eine Lüge, natürlich. Nichts ist gut.
Wieder zurück zu Pro-Ana. Die Bewegung sagt, dass alle Wünsche in Erfüllung gehen. Sie verspricht, dass alles einfacher, erträglicher, besser und schöner wird, wenn man nur diszipliniert genug ist. Wenn man nur die Stärke besitzt, Kontrolle über den Körper zu haben.
Doch diese Kontrolle ist eine Lüge.
Ich habe keine Kontrolle über meine Essstörung – sie kontrolliert mich.
So viele sagen"Mir wird das nicht passieren, ich habe die Kontrolle!" Nein, ihr habt sie nicht. Man hat nie die Kontrolle. Man hat nicht einmal genug Kontrolle um zu garantieren, dass man nicht irgendwann verhungert.
Ja, ein leidiges Thema - "Atte", Ana Till The End. Alle sagen sie, dass es so böse ist und dass sie es nicht vertreten. Doch was steckt dahinter?
Im Grunde ist man immer bis zum Ende krank. Man ist nicht irgendwann aus der Pubertät draussen und denkt. "So, ich bin groß, ich habe einen Job, ich brauch die Essstörung nicht mehr, ich bin jetzt gesund" - man wacht auch nicht mit 30 plötzlich auf und ist geheilt.
Ich bin 41 und ich bin noch genauso krank wie damals. Vielleicht sogar kränker.
Und wenn ich nicht in den nächsten Jahren sterbe – oh und die Chancen stehen nicht schlecht, mein Herz ist zerstört, mein Magen ist zerstört, mein Immunsystem ist hinüber und mein Körper ein einziges, großes Wrack dank der Essstörung – werde ich auch mit 50 noch krank sein. Und mit 60. Und werde, wenn ich alt genug werde, auch mit 70 oder 80 noch jeden Tag auf die Waage steigen und verzweifeln, weil die Zahlen zu groß sind.
Ich habe meine Familie vernachlässigt und ich bin einmal so tief unten gewesen, dass ich fast gestorben bin. ATTE also. Es war keine bewusste Entscheidung, ich hatte eigentlich nicht wirklich vor, mich zu Tode zu hungern. Es ist einfach passiert. Irgendwann war ich so weit unten, so tief in der Essstörung, dass ich lieber sterben wollte, als essen zu müssen – weil der Gedanke daran, essen zu müsse, zuzunehmen so unerträglich und beängstigend war.. dass ich es nicht konnte. Dass ich nur dastehen konnte und panisch zusehen, wie ich sterbe. Natürlich, mir war irgendwo bewusst, dass ich sterben würde. Aber ich hatte solche Angst zu essen.
Und für mich war es nicht so dramatisch. Ich wurde ständig bewusstlos, konnte kaum mehr klar denken, kaum laufen und fühlte mich ständig schwach und krank, aber ich sah ganz genau, dass ich nicht dünn war. Natürlich, ich wusste, da sind nur Knochen. Irgendwo wusste ich es beängstigend genau. Doch wenn ich in den Spiegel sah, wenn ich mich betrachtete.. ich sah fett. Ich sah, dass mein Körper so viel Raum einnahm, dass ich fast Platzangst bekam. Ich verzweifelte, weil Niemand das sah, was ich sah. Niemand sah meinen Körper, der so viel Raum einnahm..
Ich kam mir vor wie Alice im Wunderland, die in einem kleinen Raum sitzt und nach dem Essen eines Kekses oder nach dem Trinken eines Getränkes immer und immer größer wird, während der Raum irgendwann zu klein für den massiven Körper ist. Ich fühlte mich wie Gregor Samsa aus Kafkas Verwandlung, der eines morgens aufwacht und feststellt, dass sich sein Körper so stark verändert hat, dass er kaum aus dem Bett kommt. Ich denke nicht, dass ich mich in ein gigantisches Insekt verwandele... aber ich wache morgens auf und befürchte, dass das Bett unter meiner Last zusammenbricht. Ich bange um jeden Schritt den ich gehe, da mein Gewicht auf dem Boden unheimlichen Lärm verursachen muss. Ich befürchte, in Türen stecken zu bleiben, weil mein Körper so ungeheuer viel Platz einnimmt
Viele werden den Kopfschütteln und sich denken, dass es krank ist. Ja, das ist es.
Mein BMI war schon einige Male beängstigend niedrig, unter 15, unter 14... und je weniger ich wog, desto mehr Raum nahm ich ein.
Je weniger ich wurde, desto größer wurde ich.
Und so nahm ich noch verzweifelter ab, aß noch weniger. Alle schüttelten den Kopf, flehten.. ich sei nur noch ein Skelett – aber ich sah es nicht.
Ich sah nur meinen Körper, der so viel Raum einnahm, dass ich verzweifelte. Ich konnte nicht verstehen, wie mir meine Hosen passten... ich hatte das Gefühl, ich müsste Zelte tragen, weil mein Körper so gigantisch war. Ich erwartete, nicht mehr in mein Auto zu passen. Wenn ich im Bus fuhr, hatte ich das Gefühl, einen Doppelsitz für mich alleine beanspruchen zu müssen.
Doch Niemand sah, was ich sah. Niemand.
Eine Essstörung bedeutet also nicht nur Verzweiflung, sondern auch, den Verstand zu verlieren. Man redete mit mir, man sagte, es sei eine Körperschema-Störung. Ich glaubte es nicht, konnte es nicht glauben.
Ich sah doch meinen Körper, sah, wie viel Raum er einnahm und ich spüre das Fett, spürte die weiche Konsistenz. Aber Niemand glaubte mir.
Aber ich wusste, es war da. Also hungerte ich weiter.
Nun stell dir vor, du siehst deinen Körper, siehst, wie viel Platz er braucht.. und Jemand sagt dir, du sollst zunehmen. Es bringt dich um den Verstand.
Es bringt dich an die Grenzen des Wahnsinns.
Das alles bedeutet eine Essstörung. Selbstzerstörung, Hass, Verzweiflung.. mehr als nur Kontrolle, es bedeutet mehr, als mal 2 Tage nichts zu essen und sich zu schämen, wenn man doch etwas isst. Es bedeutet mehr als ein bisschen Eitelkeit und den oberflächlichen Wunsch nach Erfolg und dünn-sein. Es bedeutet mehr als Kontrolle und mehr, als viel zu Essen und dann fürs gute Gewissen ein bisschen zu kotzen.
Es bedeutet, tagelang zu hungern, bis zum Zusammenbruch, und sich für jede Mahlzeit, jeden Bissen, jedes Salatblatt, jeden Teelöffel voll Essen und jedes Glas Saft oder Limo oder Cola zu hassen und zu verachten. Es bedeuten zu Essen, bis man vor Schmerzen zusammenbrechen möchte und zu kotzen, bis man Blut spuckt und das Bewusstsein verliert.
Es bedeutet soziale Isolation, es bedeutet, alles zu verlieren, dass im Leben einmal wichtig war.
Ist es das, was du dir für dich wünschst? Ist das der Weg, den du gehen willst?
Du willst Abnehmen, du willst deine Ziele erreichen. Alles andere ist dir egal - oder wird dir egal werden. Irgendwann steckst du so tief in der Erkrankung, dass du nur noch für sie lebst und dein eigenes Leben nur noch von der Krankheit bestimmt wird. Du denkst dir, dass nichts wichtiger ist.. die Schule, die Freunde, deine Familie – auch Hobbys. Alles wird irgendwann unwichtig. Nichts ist dir so wichtig wie dein Ziel.
Warum auch nicht? Alles, was dir weh tut, alle schlechten Gefühle und Erinnerungen – alles wird in den Hintergrund gedrängt. Bis es nur noch Gedanken um Essen und Nicht-Essen gibt. Oder um Sport. Oder vielleicht auch nur noch um den Spiegel und die Waage.. Zahlen. Zahlen sind sicher, sie sind genau.
Man kann sich – meistens zumindest – auf die verlassen. Sie sind nicht so unbeständig wie Gefühle.
Ist es nicht so?
Alle die Menschen, die dir sagen, dass du aufhören sollst – weil du dich irgendwann noch umbringst – sind egal. Du denkst dir: "So was passiert nur anderen, richtig dünnen Leuten! Ich bin so fett! Sehen sie das denn nicht? Sehen sie nicht, wie dick ich bin? Und dann reden sie vom Verhungern!" Vielleicht denkst du auch, dass sie nur neidisch sind, weil du nicht essen musst. Weil du Kontrolle hast. Aber hast du sie denn?
Aber da du dir deiner Sache ja so sicher bist.. mach ruhig weiter.
Nur zu.
Wenn du nur hart genug kämpfst, bist du vielleicht in einem oder auch in 2 Jahren tot. Tot, vielleicht sogar, bevor du ein richtiges Leben hattest.
Vielleicht denkst du dir auch "Gut, dann mach ich eben Therapie. Danach kann ich ja wieder von vorne anfangen!"
Aber du solltest dir bewusst machen - mit der Einstellung wird dich auch eine Klinik nicht retten.
Du wirst zurückkommen, denken "Okay, ich hab es versucht, aber eigentlich habe ich gar keine Lust zu Essen" und wieder von vorne anfangen.
Nur dieses Mal wirst du tiefer gehen als vorher.
Und irgendwann wirst du zwangseingewiesen werden – wenn du es denn noch nie wurdest.
Und man wird dich zwingen zu Essen, weil ab einem bestimmten Gewicht eine Gesprächstherapie sinnlos wird - weil sich die Person sowieso nicht darauf konzentrieren kann.
Du wirst dich natürlich gegen das Essen weigern. Daran führt kein Weg vorbei, in einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit ist das einfach so. Und ja, es ist eine Krankheit. Kein wundervolles Mittel zum Zweck, wie von "Ana" angepriesen.
Entweder sie legen dir dann eine Magensonde durch die Nase - weil sie hoffen, dass sich das recht schnell wieder gibt - und du hast das Mahnmal für dein Versagen mitten im Gesicht kleben, oder aber sie denken, dass du es vermutlich so schnell nicht schaffen wirst.
Weil du zu krank und zu unfähig bist, um zu essen - oder wenigstens Fresubin zu trinken - und bekommst eine feste Magensonde. Eine PEG.
Und wenn du nur tief genug in der Krankheit drin steckst, wirst du danach, sobald du wieder entlassen wurdest, noch extremer hungern.
Deine Eltern oder dein Partner – vielleicht auch deine Kinder – werden nachts weinen, weil sie nicht mehr weiter wissen.
Deine Freunde werden sich von dir zurückziehen, weil du zu schwierig bist – oder du ziehst dich vor ihnen zurück, weil sie dir helfen könnten. Und helfen ist in diesem Fall natürlich aus subjektiver Sicht gleichgesetzt mit "Wegsperren und hochfüttern".
Und dann wirst du weitermachen. Noch verbissener. Und wenn Niemand darauf achtet und du nicht wieder not-eingewiesen und zwangsernährt wirst, dann stellt dein Körper seine Tätigkeit ein.
Entweder du fällst ins Koma oder du stirbst direkt.
Und solltest du "nur" ins Koma fallen und wieder aufwachen – gesetzt dem Fall, es ist genug von deinem Körper übrig, dass noch aufwachen kann, dann werden sie dich hochfüttern.
Und vielleicht bleibst du sogar einige Jahre stabil.
Aber es reicht eine Kleinigkeit.. Stress, ein Magen-Darm-Infekt, eine zerbrechende Freundschaft oder eine beendete Beziehung.. oder vielleicht ein Todesfall und du hörst wieder auf zu Essen.
Und du hast dann sogar eine Ausrede. "Mir geht es nicht gut" oder "Ich muss ständig daran denken" – und alle werden Mitleid haben und es erst bemerken, wenn du wieder zu tief in der Erkrankung drin bist.
Und irgendwann stirbst du.
Entweder direkt, weil dein Gewicht zu niedrig war und dich Niemand schnell genug gefunden hat, oder dein Herz stellt irgendwann die Tätigkeit ein, weil es chronisch – für immer und irreparable – Schäden davon getragen hat.
Und das kann dir auch passieren, wenn du isst und ein Leben hast.
Vielleicht willst du sogar gerade Abitur machen oder heiraten.
Und musst ständig daran denken: "Werde ich lang genug leben um das noch zu schaffen?"
Du hast vielleicht noch eine Chance.
Denk besser noch einmal darüber nach, was du für Pläne mit deinem Leben hast.
Wenn du nicht vorher stirbst, wirst du auch mit 30, mit 40, mit 50 eine Essstörung haben.
Wie gesagt, wenn du überhaupt lange genug lebst.
Natürlich, es klingt alles so weit weg, und der Alte kann natürlich reden, der hat ja sowieso keine Ahnung.
Wenn du meinst, von mir aus.
Es ist eine Warnung. Ich bin nur einer von vielen und ich kann nur meine Empfindungen, meine Gedanken, meinen Kampf und meine Meinung wiedergeben.
Aber ich kenne keine Person mit einer Essstörung, die gerne eine Essstörung hat, die gerne diesen Kampf führt.
Denn dieser Kampf hört niemals auf...
Ich kann nur reden und berichten - Aber mehr kann ich auch nicht tun.
Wenn das der Weg ist, den du dir wählen möchtest, dann kann dich sowieso Nichts und Niemand davon abhalten.
Solltest du allerdings Pläne haben und wirklich etwas ändern wollen.. der erste Tag ist immer heute.
Was ist der Weg, den du gehen willst?
© Shadow, 2010
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