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Die Anorexie

Essstörungen sind Erkrankungen, bei denen es infolge starker seelischer Belastungen zu körperlichen Symptomen kommt; sie äußern sich durch ein gestörtes Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper.
Eine der Essstörungen ist die Anorexie, auch bekannt als Magersucht.
Der Diagnoseschlüssel für Magersucht nach ICD-10 ist F 50.0 (Anorexie: restriktiver Typus) oder F 50.1 (Anorexie: Binge Eating/Purging Typus).
Die Zeichen der Magersucht bestimmen die Diagnose.
Magersucht zeichnet sich vor allem durch ein gestörtes Verhältnis zur Nahrungsaufnahme und zum eigenen Körper aus. Betroffene leiden unter einer Körperschemastörung, was bedeutet, dass sie ihren Körper verzerrt wahrnehmen. Sie erkennen die Abmagerung und den bedrohlichen Gesundheitszustand bei sich selbst nicht, würden dies bei anderen Menschen jedoch sehen können. In ihren Augen sind sie immer zu dick und müssen weiter abnehmen. Ist ein Gewicht erreicht, setzen sie sich ein neues Ziel, da sie keine Veränderungen wahrnehmen oder sich im schlimmsten Fall dicker sehen als zuvor. Würde man eine Magersüchtige auffordern, ihren Körperumfang mit einem Seil zu schätzen, kann man davon ausgehen, dass sie sich um Längen verschätzt.
Des weiteren leiden Magersüchtige unter der extremen Angst, dick zu werden. Oft hat sich der Gedanke von „erlaubten“ und „verbotenen“ Nahrungsmitteln eingeprägt, kalorienarmes Essen wird bevorzugt, viele Magersüchtige wiegen ihr Essen auch ab, um die exakte Menge und damit den genauen Nährwert zu kennen.
Die meisten Magersüchtigen entwickeln Rituale beim Essen, so wird zum Beispiel das Essen nur noch auf bestimmte Weise zu sich genommen (z.B. extrem langsam, extrem heiß oder kalt), nur auf bestimmten Tellern (z.B. Puppengeschirr) oder nur in bestimmter Reihenfolge.
Bei vielen Magersüchtigen hat sich der Glaube an ein „System“ festgesetzt. Sie glauben, wenn sie nur hinter dieses „System“ kämen, würden sie nicht zunehmen oder weiter abnehmen. So wird oft monatelang daran gearbeitet, das „richtige“ Verhältnis von Wasser, Nahrung und Sport herauszufinden, welches sich nach der Anpassung des Stoffwechsels jedoch als „falsch“ herausstellt.
Am Anfang der Anorexie leiden die Betroffenen eventuell noch an starken Hungergefühlen, die sie durch verschiedene „Tricks“ wie viel Wasser trinken oder Ablenkung versuchen zu unterdrücken. Leidet ein Mensch allerdings bereits lange Zeit unter der Erkrankung, hat er dem Körper dieses Warnsignal abtrainiert und nimmt die körperlichen Bedürfnisse meist nicht mehr wahr.
Die Gedanken einer Magersüchtigen kreisen eigentlich ständig ums Essen und Nichtessen, um Figur, Gewicht und dem Wunsch, dünner zu sein. Magersüchtige sind meist Perfektionisten, nichts, was sie erreichen, ist gut genug, auch wenn sie oft wegen herrausragender Leistungen gelobt und anerkannt werden.
Typisch für Magersüchtige ist neben diesem Perfektionismus auch das Schwarzweißdenken, Magersüchtige können sich nicht vorstellen, dass sie wenn sie zunehmen nicht gleich dick sind, es gibt für sie nichts zwischen dünn und dick.
Die Waage spielt im Leben der Magersüchtigen eine wichtige Rolle. Die meisten wiegen sich mehrmals täglich, manche nach jeder Nahrungs- oder Wasseraufnahme und jedem Toilettengang.
Die Waage entscheidet über das Wohlbefinden und gibt zugleich das beruhigende Gefühl der Kontrolle.
Viele Magersüchtige sind in ihrem Umfeld als gute Köche bekannt. Sie sammeln Rezepte und verbringen Stunden in der Küche, um für geliebte Menschen ein leckeres Essen zu zaubern, probieren jedoch selbst nicht davon.
Wird doch einmal gegessen, wird dies meist durch intensiven Sport ausgeglichen.
Manche Magersüchtige betreiben neben dem extremen Sportpensum auch andere Praktiken zur „Wiedergutmachung“. Magersüchtige, die Entwässerungs- oder Abführmittel benutzen oder ihr Essen erbrechen, fallen unter den Diagnoseschlüssel F 50.1 (in diesem Fall „purging Typus“).
Magersüchtige, die regelmäßige Essanfälle haben fallen ebenfalls unter diesen Diagnoseschlüssel (in diesem Fall „Binge Eating Typus“).
Körperlich zeigt sich die Anorexie meist am deutlichsten durch starke Gewichtsabnahme. Zu den Diagnosekriterien gehören ein Gewichtsverlust von 20 % oder ein BMI unter 17,5 bei Erwachsenen.
Das oft deutliche Untergewicht zeigt sich auch äußerlich durch brüchige Haare und Fingernägel, blasse und trockene Haut und hervorstehende Knochen.
Häufig versuchen Betroffene ihr Untergewicht zu verstecken, sie tragen weite Kleidung und nicht selten mehrere Kleidungsschichten übereinander.
Auch die Lüge, sie hätten bereits gegessen, wenn ein gemeinsames Essen mit der Familie ansteht, ist nicht selten und wird in den Anfängen der Magersucht gerne geglaubt. In der Öffentlichkeit kaufen sich Magersüchtige im Beisein ihrer Freunde Lebensmittel „für später“, die sie dann unbemerkt entsorgen. Zu Hause wird dreckiges Geschirr stehen gelassen, dass den Eindruck vermitteln soll, die Magersüchtige hätte gegessen, meist ist es jedoch eher der Fall, dass Brotkrümel und Marmelade absichtlich auf dem Teller platziert wurden, jedoch nichts davon verzehrt wurde.
Ein großes Problem bei der Behandlung der Anorexie, stellt die fehlende Krankheitseinsicht dar. Die Betroffenen erkennen nicht, dass sie krank sind und Hilfe brauchen, leugnen ihr Problem oft lange Zeit. Erst bei Einsicht der Krankheit kann eine Therapie erfolgreich verlaufen.

diagnostische Hinweise: Anorexia nervosa

  • Gewichtsverlust von 20% innerhalb kurzer Zeit, keine Gewichtszunahme in der Pubertät oder ein BMI unter 17,5 (Erwachsene)
  • eingeschränkte Nahrungsaufnahme, Vermeidung hochkalorischer Speisen, übertriebene körperliche Aktivität, selbst induziertes Erbrechen oder abführen (anfallartig)
  • ständiges gedankliches Kreisen um Nahrung und Figur
  • Perfektionismus
  • Hyperaktivität
  • Körperschemastörungen
  • extreme Angst vor Gewichtszunahme
  • fehlende Krankheitseinsicht


  • typisch für Magersucht

  • fehlender Kontakt zum Körper und zu dessen Bedürfnissen
  • ständiges Wiegen und sich zu dick fühlen
  • Kontrolle vermittelt das Gefühl, autonom zu sein
  • Rückzugsverhalten
  • Schwarzweißdenken und depressive Verstimmungen
  • ritualisiertes Essverhalten (extrem langsames, heißes oder kaltes Essen, Verzehr von Baby- oder Kindernahrung)
  • Bevorzugung von kalorienarmen Nahrungsmitteln und Getränken, meist einseitige Nahrungsauswahl
  • kochen, backen, Rezepte sammeln und andere zum Essen animieren
  • vieles im Stehen machen, exzessiv Sport treiben, tragen von schweren Taschen
  • sich Kälte aussetzen
  • lange Weigerung, die Krankheit als solche zu akzeptieren


  • Folgen der Anorexie

  • Kachexie (vereinfacht=starke Abmagerung)
  • Hypothermie (Körpertemperatur in einem Bereich unter 36° Celsius)
  • Bradypnoe (Atmung mit weniger als zehn Atemzügen in der Minute)
  • Akrocyanose (Blaufärbung der Körperanhänge)
  • Schlafstörungen
  • Osteoporose ("Knochenschwund")
  • Kardiovaskuläre Veränderungen/Herzatrophie (Schwund des Muskelmarks des Herzens) mit Bradykardie (Pulsverlangsamung auf weniger als 60 Schl/min) und Hypotonie (niedriger Blutdruck)
  • Verlangsamter Herzschlag, der zu Schwindel und Ohnmachtsanfällen führen kann
  • Niedrige Pulsfrequenz
  • Nierenschäden
  • Hämatologische Unterfunktion mit Anämie (Mangel an roten Blutkörperchen) und Leukopenie (Mangel an weißen Blutkörperchen)
  • Verminderte Nierenkonzentrationsfähigkeit mit Polyurie (vermehrte Harnausscheidung) und im Extremfall Nierenversagen
  • Anfälligkeit für Entzündungen
  • Immunologische Dysfunktion mit F-Zellenunterfunktion und verminderter Markophagenphagozytose (Abbau überalterten und geschädigten körpereigenen Gewebes sowie körperfremden Materials)
  • Gastrointestinale Veränderungen (Magen-Darm-Trakt)
  • Elektrolytimbalancen (Die ernstesten Elektrolytstörungen betreffen die Spiegel von Kalium, Natrium und/oder Calcium)
  • Periphere Oedeme (Schwellungen des Gewebes aufgrund einer Einlagerung von Flüssigkeit aus dem Gefäßsystem)
  • Atrophe (Rückbildung eines Gewebes oder eines Organs), trockene Haut
  • Gelbliche Hautfarbe
  • Haarausfall
  • Lanugobehaarung
  • Im Extremfall Liegegeschwüre
  • Brüchige Finger- und Zehennägel
  • Trommelschlegelfinger (Auslösende Ursache ist eine langanhaltende Sauerstoff-Unterversorgung der peripheren Gewebe, wodurch es zu einer Knochenneubildung in den Finger-Endgliedern kommt.)
  • Erhöhter Adrenalinspiegel
  • Amenorrhoe (Ausbleiben der Menstruation bis hin zur Unfruchtbarkeit)
  • Änderung des peripheren Schilddrüsenhormonmetabolismus (Entwicklung einer Schilddrüsen-Fehlfunktion)
  • Tod als Langzeitfolge


  • Entstehungsmodelle

    Modell 1
    - Form der Abwehr sexueller Wünsche
    - Rückkehr in die „heile Welt“ der Kindheit
    -> durch Abmagerung gleicht der Körper dem eines Kindes
    -> sexuelle Signalwirkung des Körpers wird reduziert
    -> Periode bleibt aus


    Modell 2
    - Kontrolle des eigenen Lebens
    - Streben nach Identität
    -> Kontrolle des Körpers/Überwindung des Hungergefühls vermittelt das Gefühl,
    eine autonome Persönlichkeit zu sein


    Modell 3
    - Familie mit hohem Harmoniebestreben
    - Verzicht auf eigene Bedürfnisse, Opferbereitschaft
    -> Erkrankung lenkt von Spannungen und Konflikten in der Familie ab
    -> Probleme rücken durch das stark untergewichtige Kind in den Hintergrund


    Quellenangaben:

  • Wissenschaftliches Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (Herausgeber): Ess-Störungen, Suchtmedizinische Reihe, Band 3; ISBN: 3-937587-02-0
  • BZgA, Köln, im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (Herausgeber): Essstörungen...Was ist das?
  • Josef Karl: ABC NERVOSA, Books on Demand GmbH, Norderstedt, ISBN: 978-3-38370-3665-7
  • Verlag Herder (Herausgeber): Kindergarten heute spezial "Auffälliges Verhalten von Kinder - wahrnehmen, verstehen, handeln", ISBN: 978-3-451-00108-6
  • Susan Schulherr: Ess-Störungen für Dummies, WILEY-VCH Verlag GmbH & Co.KGaA, Wrinheim, 1.Auflage 2009, ISBN: 978-3-527-70496-5


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